Thomas Henry Huxley, ein Freund Darwins, schrieb 1863: „Niemand ist stärker als ich von der gewaltigen Kluft zwischen Mensch und Tier überzeugt, denn er allein besitzt die erstaunliche Begabung der verständlichen und von der Vernunft geleiteten Sprache und … steht dadurch wie auf der Spitze eines Berges weit erhoben über dem Niveau seiner niedrigen Gefährten und ist von seiner groben Natur verwandelt dadurch dass er hier und da einen Strahl von der unendlichen Quelle der Wahrheit widerspiegelt...“ (T.H.Huxley in Nature’s Economy. Ch. 9. Donald Worster. Cambridge 1985. Original:[1])
Einige materialistische Wissenschaftler versuchen, die höchsten geistigen Prozesse, so auch das Selbstbewusstsein und das Bewusstsein, als Ergebnisse biochemischer Prozesse zu erklären. Man nennt sie daher auch Reduktionisten, da sie die gesamte Wirklichkeit auf die Ebene der materiellen Prozesse reduzieren. Viele andere Wissenschaftler gehören dieser Kategorie nicht an, denn sie erkennen die Grenzen der Wissenschaft und sprechen z.B. vom „Wunder und Geheimnis des menschlichen Selbst mit seinen spirituellen Werten, seiner schöpferischen Kraft und der Einzigartigkeit, mit der es jeden Einzelnen von uns begabt“, wie es hier John C. Eccles, Neurowissenschaftler und Nobelpreisträger, tut (John C. Eccles, Wie das Selbst sein Gehirn steuert, 1994, Seite 255). Er verwirft den materialistischen Reduktionismus und hält in Zusammenarbeit mit dem Philosophen Karl Popper an der dualistischen Interaktionismus-Theorie fest, welche besagt, dass das Ich das Gehirn steuert, während beide in enger Interaktion aneinander arbeiten.
„Das anthropische Prinzip erreicht in der Tatsache, dass jeder von uns zu einem einmaligen selbstbewussten Wesen wird, eine neue Dimension. Diese Transzendenz war das Motiv meines Lebenswerkes, das in dem Bemühen gipfelt, das Gehirn zu verstehen, um das Geist-Gehirn-Problem wissenschaftlich darstellen zu können. Ich bleibe dabei, dass das Mysterium des Menschen vom wissenschaftlichen Reduktionismus in unglaublicher Weise herabgewürdigt wird, wenn er beansprucht und verspricht, die gesamte spirituelle Welt letzten Endes auf materialistische Weise mit Mustern neuronaler Aktivität erklären zu können. Dieser Glaube muss als ein Aberglaube betrachtet werden.“ (John C. Eccles, Die Evolution des Gehirns – die Erschaffung des Selbst, 1994, Seite 388 und 389)
Er sieht keine Spannung zwischen seiner wissenschaftlichen Arbeit und dem Glauben an eine der Wissenschaft unzugängliche geistliche Realität: „Da unsere erlebte Einmaligkeit mit materialistischen Lösungsvorschlägen nicht zu erklären ist, bin ich gezwungen, die Einmaligkeit des Selbst oder der Seele auf eine übernatürliche spirituelle Schöpfung zurückzuführen. Um es theologisch auszudrücken: Jede Seele ist eine neue göttliche Schöpfung …“ (John C. Eccles, Die Evolution des Gehirns – die Erschaffung des Selbst, 1994, Seite 381)
„Wir möchten mit der Feststellung schließen, dass die biologische Evolution sich selbst transzendiert, indem sie mit dem menschlichen Gehirn die materielle Basis für selbstbewusste Wesen schafft, deren Natur es ist, nach Hoffnung zu streben und nach Sinn zu forschen auf der Suche nach Liebe, Wahrheit und Schönheit.“ (John C. Eccles, Die Evolution des Gehirns – die Erschaffung des Selbst, 1994, Seite 391)
„Ich drücke hier meine Bemühungen aus, ein Selbst – mein Selbst – als erfahrendes Wesen zu verstehen. Ich spreche davon in der Hoffnung, dass wir menschlichen Ichs einen verwandelnden Glauben an den Sinn und die Bedeutung dieses wundervollen Abenteuers finden mögen, das jedem von uns auf dieser heilsamen Erde beschieden ist und auf der wir alle über ein wunderbares Gehirn verfügen, das uns gehört, um es zu steuern und zu gebrauchen für unser Gedächtnis, für unsere Freude und Kreativität und mit Zuneigung für andere menschliche Wesen.“ (John C. Eccles, Wie das Selbst sein Gehirn steuert, 1994, Seite 262)
John Eccles‘ Meinung über den Tod ist folgende: „Den Tod des Körpers und des Gehirns können wir als Auflösung unserer dualistischen Existenz betrachten. Die befreite Seele wird, so ist zu hoffen, eine andere Zukunft finden, mit einem noch tieferen Sinn und noch berückenderen Erfahrungen, vielleicht in einer neuen körperlichen Existenz … in Übereinstimmung mit der traditionellen christlichen Lehre.“ (John C. Eccles, Die Evolution des Gehirns – die Erschaffung des Selbst, 1994, Seite 391)
Was ist das Bewusstwein? Ist es nicht mehr als Chemie, bloße Funktion einiger molekularer Strukturen des Gehirns, wer ist dann das „Ich“, welches doch die Wirklichkeit erfährt? John Searle, ein moderner Philosoph, schreibt dazu: „Ich bin mir bewusst, dass ich ein Bewusstsein habe. Wir können alle möglichen überraschenden Dinge über uns selbst und unser Verhalten entdecken, aber wir können nicht feststellen, dass wir keinen Verstand haben, dass wir nicht über bewusste, subjektive willensgesteuerte Geisteszustände verfügten, noch können wir nachweisen, dass wir nicht zumindest versuchen, freiwillig, unabhängig und bewusst zu agieren.“ (John Searle, Minds, Brains and Science, 1984. Original:[2])
Descartes, häufig als Vater der modernen Philosophie bezeichnet, meint, wir wissen um die Existenz des Geistes wegen unserer direkten Erfahrung, so wie wir durch Beobachtung und Vernunft auch das Dasein der Materie erfahren. „Ich denke, darum bin ich“. Er dachte ferner, dass es in einer gewissen Einheit des Individuums eine ständige Interaktion zwischen Körper und Geist gäbe. „Ich stecke nicht in meinem Körper so, wie sich ein Steuermann auf einem Schiff aufhält, sondern bin so eng mit ihm verbunden, dass mein Geist und mein Körper eine bestimmte Einheit bilden, als ob sie miteinander vermischt wären. Wenn dies nicht der Fall wäre, dürfte ich keinen Schmerz fühlen, wenn mein Körper verletzt würde, sondern müsste die Wunde allein durch den Verstand wahrnehmen, da ich ja nur ein denkendes „Ding“ wäre, so wie der Steuermann durchs Sehen wahrnimmt, dass ein Teil seines Schiffes beschädigt ist.“ (René Descartes, Meditations, 1641. Original:[3])
Die Descartessche dualistische Sicht wurde im 20. Jahrhundert durch einige Wissenschaftler und Philosophen fortgeführt und weiterentwickelt. Der Neurowissenschaftler und Nobelpreisträger C.S. Sherrington legte die Grundlagen für das Verständnis der Funktionsweise des Gehirns. Einer seiner wichtigsten Schüler, der kanadische Neurochirurg Wilder Penfield, begann seine Studien des Gehirns als Materialist, kam später aber zu folgender Sicht: „Es ist leichter das Wesen des Menschen auf der Grundlage von zwei Elementen zu erklären, als auf der Grundlage von einem.“ (Wilder Penfield, The Mystery of the Mind, 1975. Original:[4])
Wir wollen nicht in die Details der verschiedenen Geist – Theorien eintauchen, aber doch herausstreichen, dass wirkliche Wissenschaft die geistlichen Qualitäten des Menschen nicht verleugnet, wie es jedoch durch die materialistisch- reduktionistische Vorstellung geschieht, wie auch Roger W. Sperry (Nobelpreisträger) beobachtete: „Bevor die Wissenschaft kam, war der Mensch gewöhnt, sich als unabhängig agierendes Wesen, das einen freien Willen hat, zu betrachten.
Die Wissenschaft bringt uns statt dessen den kausalen Determinismus, nach dem jede Handlung als unausweichliche Folge vorausgehender Reize des Gehirns angesehen wird. Wo wir früher Absicht und Sinn im menschlichen Verhalten gesehen haben, zeigt uns jetzt die Wissenschaft eine komplexe biophysikalische Maschine, die ausschließend aus materiellen Elementen, die unerbittlich den universellen Gesetzen der Physik und Chemie gehorchen, zusammengesetzt ist …
Ich stelle fest, dass mein eigenes begriffliches Arbeitsmodell des Gehirns zu Schlussfolgerungen führt, die in direktem Widerspruch mit vielen der vorgenannten Schlüsse stehen; besonders muss ich gegen die ganze materialistisch-reduktionalistische Vorstellung der menschlichen Natur und des menschlichen Verstandes, die sich aus der derzeit vorherrschenden objektiv-analytischen Methode in der Gehirnverhaltens-Forschung zu ergeben scheint, Einspruch erheben.
Wenn wir die Folgerungen des modernen Materialismus in diesem und anderen Bereichen gegenüber älteren idealistischeren Werten favorisieren, vermute ich, dass die Wissenschaft der Gesellschaft und sich selbst einen zweifelhaften Segen beschert. (Sperry, Roger W., „Mind, Brain, and Humanist Values,“ Bulletin of the Atomic Scientists, September, 1966, pp.2-3. Original:[5])
Originale der übersetzen Zitate:
Fußnoten:
- „No one is more strongly convinced than I am of the vastness of the gulf between … man and brutes … for, he alone possesses the marvelous endowment of intelligible and rational speech [and] … stands raised upon it as on a mountain top, far above the level of his humble fellows, and transfigured from his grosser nature by reflecting, here and there, a ray from the infinite source of truth.“ (T.H.Huxley from Nature’s Economy. Ch. 9. Donald Worster. Cambridge 1985 [↩]
- „I‘m conscious, I AM conscious. We could discover all kinds of startling things about ourselve and our behaviour; but we cannot discover that we do not have minds, that they do not contain conscious, subjective, intentionalistic mental states; nor could we discover that we do not at least try to engage in voluntary, free, intentional actions.“ (John Searle, Minds, Brains and Science, 1984). [↩]
- „I am not lodged in my body as a pilot in a vessel, but that I am besides so intimately conjoined, and as it were intermixed with it, that my mind and body compose a certain unity. For if this were not the case, I should not feel pain when my body is hurt, seeing I am merely a thinking thing, but should perceive the wound by the understanding alone, just as a pilot perceives by sight when any part of his vessel is damaged.“ (René Descartes, Meditations, 1641). [↩]
- „It is easier to rationalize man’s being on the basis of two elements than on the basis of one.“ (Wilder Penfield, The Mystery of the Mind, 1975). [↩]
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„Before science, man used to think himself a free agent possessing free will. Science gives us, instead, causal determinism wherein every act is seen to follow inevitably from preceding patterns of brain excitation. Where we used to see purpose and meaning in human behaviour, science now shows us a complex bio-physical machine composed entirely of material elements, all of which obey inexorably the universal laws of physics and chemistry. . . .
I find that my own conceptual working model of the brain leads to inferences that are in direct disagreement with many of the foregoing; especially I must take issue with that whole general materialistic-reductionist conception of human nature and mind that seems to emerge from the currently prevailing objective analytic approach in the brain-behaviour sciences.
When we are led to favour the implications of modern materialism in opposition to older, more idealistic values in these and related matters, I suspect that science may have sold society and itself a somewhat questionable bill of goods.“(Sperry, Roger W., „Mind, Brain, and Humanist Values,“ Bulletin of the Atomic Scientists, September, 1966, pp.2-3. [↩]