Wunsch nach Schönheit und Harmonie

Wenn der Grund für das Entstehen des Kosmos und des Menschen nur in der Abfolge bestimmter extrem selten vorkommender Ereignisse läge, woher kämen dann Schönheit und Harmonie? Warum besitzt der Mensch Eigenschaften und Fähigkeiten, welche vom Standpunkt des Überlebenskampfes und der Erhaltung der Art völlig unnötig sind? Woher kommen künstlerische Gaben, Dichtkunst und Musik? Wenn das Leben letztlich doch nur ein grausamer Kampf ums Überleben wäre, warum sind dann solche Dinge entstanden und warum haben sie überlebt?

Ein Kind, das gern und hervorragend malte, setzte sich eines Tages in sein Zimmer und begann, eine schöne Landschaft zu malen. Nachdem es viele Stunden mit Pinsel, Leinwand und Farben umgegangen war, wurde es müde, ging nach draußen, erblickte den Himmel und die Bäume und rief spontan: „Oh ja, dies ist viel schöner als was ich male oder je malen werde. Wer ist nur der Maler all dieser Dinge?“

Der Mensch hat einen natürlichen Wunsch nach Schönheit, welche das Vollkommene, das Ideale widerspiegelt. Schön ist, was dem Vollkommenen, dem Idealen nahe kommt. Der Rhythmus der Proportionen, Linien, Farben, Klänge hat keinen materiellen oder biologischen Wert in sich, und selbst wenn es damit verbunden wäre, lieben wir all das doch aus anderen Gründen. Wir freuen uns, Schönes zu sehen, weil es uns der unendlichen Schönheit näher bringt, welche wir uns wünschen und die wir lieben. Wir mögen es, das Wellenspiel am Meer oder die hohen Berge zu sehen, denn es lässt uns etwas von Größe, Unendlichkeit, Majestät erahnen. Die anziehende Kraft der Schönheit leitet uns zur unendlichen Quelle der Vollkommenheit, bei der unser Verlangen gestillt werden kann.

Die Expedition, welche von Ralph Solecki von der Columbia University geleitet wurde und in die zerklüftete Landschaft des Zagross-Gebirges führte, grub 1960 in der Shanidar-Höhle die Knochen eines vor 60.000 Jahren verstorbenen Neandertalers aus. Seine Begräbnisstätte war in besonderer Weise bereitet: Er ruhte auf einem aus Bündeln hölzerner Schachtelhalmzweige hergestellten Bett. Girlanden aus Schafgarbe, Stockrosen, Hyazinthen, Kornblumen und anderen Blumen waren um die Füße des Bettes gewoben. Solecki schrieb über dieses Blumenbegräbnis: „Plötzlich wurden wir gewahr, dass die Vielseitigkeit der Menschheit und die Liebe zur Schönheit weit über die Grenzen unserer eigenen Spezies reichen. … Wir können nicht länger leugnen, dass die frühen Menschen die volle Bandbreite menschlicher Gefühle und Erfahrungen hatten“ (Science 190/1975). Hier soll nur angemerkt werden, dass die Frage, ob der Neandertaler eine eigene Art oder eine Unterart des Homo sapiens ist, wissenschaftlich umstritten ist.